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Ostern ist für Polen das wichtigste Familienfest. Neben gesegneten Speisen, Osterprozessionen und bunten Papierpalmen gibt es auch eine Menge heidnischer Bräuche, die im Nachbarland bis heute gepflegt werden. Besonders schön sind die kunstvoll verzierten Ostereier. Beim Śmigus-dyngus muss man sich vor Wasser in Acht nehmen. Eine lange Tradition hat das schlesische Osterreiten.

Ehrfürchtige Reiterinnen und Reiter in schwarzer Kleidung, feierlich geschmückte Pferde, liebevoll restaurierte Gespanne und Ostergesänge – das Osterreiten ist in einigen Gebieten Oberschlesiens der Höhepunkt des Osterfestes. Das Örtchen Pietrowice Wielkie (Groß Peterwitz) gilt als Zentrum der Osterreiter. Dort kommen bei gutem Wetter schon einmal mehr als 100 von ihnen zusammen. Aber auch in größeren Städten wie Racibórz (Ratibor) oder Gliwice (Gleiwitz) wird diese Tradition bis heute gelebt.

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Kalwaria Zebrzydowska, Das Mysterienspiel / Foto: POT


Wie bei den normalen Osterprozessionen wird der Zug in Pietrowice Wielkie von einem Priester in vollem Ornat geleitet. Hinter ihm tragen Gemeindemitglieder eine Figur des auferstandenen Jesus und ein Kruzifix. Gemeinsam reitet man zur etwas außerhalb gelegenen Heiligkreuz-Kirche, wo die örtlichen Bauern bei einem Bittgottesdienst unter freiem Himmel für eine gute Ernte beten. Danach geht die Prozession weiter und der Priester segnet die Felder der Landwirte. Im Anschluss findet ein Fest im örtlichen Stadion statt. Woher dieser Brauch stammt, weiß in Oberschlesien niemand mehr so genau. Möglicherweise haben ihn die deutschsprachigen Siedler im Mittelalter eingeführt. So heißt er im slawisch-schlesischen Dialekt auch „rajtowanie“, vom deutschen Reiten. Schriftlich belegt ist das Osterreiten in Pietrowice Wielkie seit etwa 300 Jahren. Ähnliche Traditionen gibt es heute noch bei den slawischen Sorben in der Lausitz sowie in Bayern.

Ein weiterer interessanter Brauch ist mit dem Palmsonntag verbunden, der traditionell den Beginn der Karwoche einläutet. Symbolische Osterpalmen gibt es zwar in vielen Teilen der Welt, doch selten sind sie so farbenprächtig und vor allem so groß, wie in Polen. Die Meister der Osterpalmenkunst sind die in Nordostmasowien ansässigen Kurpen und die Góralen, die Bergbewohner Kleinpolens. Bei den Kurpen wird ein junger Baum mit Bärlapp, Heidekraut und Heidelbeeren umwickelt, die Góralen nehmen knospende Weidenruten und flechten sie zusammen. Die so hergestellten Palmen werden mit farbigen Blüten, Blättern und Gräsern geschmückt. Im kleinpolnischen Lipnica Murowana findet schon seit 1958 ein Wettbewerb um die größte Osterpalme Polens statt. Den Rekord mit 36,40 Metern stellte Zbigniew Urbański im Jahre 2011 auf. Nicht um Größe, sondern um Ästhetik geht es jedes Jahr im Kurpendorf Łyse, wo die schönste Osterpalme des Landes gekürt wird. Dort stellen die Frauen des Ortes oft schon zu Beginn der Fastenzeit für ihre Osterpalmen die ersten Blüten und Schmuckelemente aus buntem Papier her.

Schon der polnische Renaissancedichter Jan Kochanowski berichtete im 16. Jahrhundert von den sogenannten Pucheroki. Am frühen Morgen des Palmsonntags kann man ihnen auch heute noch auf den Straßen von Kraków (Krakau) und Umgebung begegnen. Mit ihren umgedrehten Pelzwesten, den hohen und spitzen aus buntem Krepp angefertigten Hüten und ihren rußverschmierten Gesichtern erinnern sie an zwergenhafte Erdgeister. Ausgerüstet mit einem Körbchen und einem langen Stab mit Holzhammer gehen die Jungen von Haus zu Haus und singen christliche sowie Volkslieder. Wer sie dafür nicht mit Eiern und kleinen Leckereien entlohnt, an dem rächen sie sich gebührend.

Wie auch in Deutschland sind im Osterfest christlicher Glaube und heidnische Traditionen eng miteinander verbunden. Zum Frühlingsanfang steht vor allem die Fruchtbarkeit von Mensch und Natur im Vordergrund. So auch bei der altpolnischen Tradition des Śmigus-dyngus. Wer am Ostermontag unterwegs ist, sollte sich auf etwas gefasst machen. Vor allem Mädchen und junge Frauen wurden früher ausgiebig mit Wasser bespritzt. Dies sollte sie einerseits von allem Schlechten befreien und ihnen andererseits viele Kinder bescheren. Die Wasserattacken sind heute vor allem zu einem Vergnügen für Kinder und Jugendliche geworden, die mit Eimern oder Wasserpistolen an Straßenecken auf ihre Opfer lauern.

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Pisanki / Foto: POT



Bis in vorchristliche Zeiten reicht der Brauch zurück, „Pisanki“ anzufertigen. Jede Region hat ihre eigene Tradition, diese kunstvoll verzierten Ostereier herzustellen. Weit verbreitet sind mit Wachs- oder Kratztechniken hergestellte Eier. Die Pisanki dienen nicht nur als Osterschmuck. So soll einem ostpolnischen Glauben zufolge das dreifache Umrunden des eigenen Hauses mit einem gesegneten Osterei ein sicheres Mittel gegen das Böse sein. Ostereier mit ganzen Meerrettichstückchen zu essen, mag ein wenig Überwindung kosten, es soll aber helfen, den Körper zu reinigen und somit die Sünden aus ihm zu vertreiben.

Die scharfe Wurzel darf auf keinem polnischen Ostertisch fehlen. Eine besonders beliebte Spezialität ist die „Ćwikła“, eine cremige Paste aus Meerrettich und Roter Beete. Das Fastenbrechen am Ostersonntag wird traditionell mit einem opulenten Frühstück eingeleitet. Ein wichtiger Bestandteil sind die „Święconka“ genannten Speisen, die am Vortag in die Kirche gebracht und von einem Priester gesegnet werden. Kulinarischer Höhepunkt des Ostersonntags ist der Osterbraten, für den jede Familie ihr eigenes Rezept hat.

Ein bekanntes Ritual erwartet Besucher übrigens in Wielkopolska (Großpolen) und der Kaschubei. Niemand geringeres als der Osterhase bereitet dort nämlich kleine Moosnester, in denen Kinder allerlei Leckereien und schöne Ostereier finden können.


Informationen:
In Polen ist der Karfreitag anders als in Deutschland kein Feiertag. An Ostersonntag und Montag sind nicht nur die meisten Geschäfte, sondern auch zahlreiche Cafés und Restaurants geschlossen

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